Von Uta Wagenmann

(in: Gen-ethischer Informationsdienst (GID) Nr. 143, Dezember 2000, S. 9-12).


Rund 45 000 DNA-Identifizierungsmuster von Personen – besser bekannt unter der Bezeichnung genetischer ‚Fingerabdruck – waren im Juli 2000 in der zentralen DNA-Datenbank beim Bundeskriminalamt gespeichert. Seit das DNA-Identitätsfeststellungsgesetz vor mehr als zwei Jahren in Kraft trat, werden genetische Identitäten vor allem von Häftlingen fleißig gesammelt. Noch sind längst nicht alle dieser so genannten ‚Altfälle‘ erfasst. Eine Bilanz nach zweieinhalb Jahren DNA-Datenbank.

Danny S. ist lebenslänglich verurteilt. Er sitzt seit sieben Jahren in der Berliner Justizvollzugsanstalt Tegel ein, als er auf dem Anstaltsgelände von sechs Beamten des Landeskriminalamtes (LKA) abgefangen wird. Er müsse zur Blutentnahme zwecks molekulargenetischer Analyse, wird ihm gesagt. Danny S. weigert sich. Die LKA-Beamten berufen sich auf eine richterliche Anordnung, die Danny S. nicht kennt und erst auf Intervention von Beamten der JVA kurz zu sehen bekommt. Der Beschluss besteht aus drei Zeilen – die begangene Tat gehöre zum Straftatenkatalog im DNA-Identitätsfeststellungsgesetz, deshalb sei eine Körperzellentnahme in seinem Fall angezeigt. “Ich habe auf mein Recht auf rechtliches Gehör hingewiesen. Das hat die aber überhaupt nicht interessiert”, erinnert sich Danny. “Ich habe das Blut dann lieber abgegeben. Ich wollte keinen Ärger.”

Die Persönlichkeit des Verbrechers

So ist es vielen Häftlingen nicht nur in Berlin in den vergangenen zwei Jahren ergangen. Es wird kräftig gesammelt, seit das im September 1998 in Kraft getretene DNA-Identitätsfeststellungsgesetz den Landeskriminalämtern erlaubt, nicht nur von Verdächtigen und Beschuldigten in laufenden Verfahren Körperzellen für die DNA-Analyse zu entnehmen – zumeist sind das Blut- oder Speichelproben – sondern auch von bereits Verurteilten. Aus der Blut- oder Speichelprobe wird im Labor ein DNA-Identifizierungsmuster erstellt, der so genannte genetische ‚Fingerabdruck’, und in der Regel in der bundesweiten Datei des Bundeskriminalamtes (BKA) gespeichert. Voraussetzung ist lediglich, dass “wegen der Art oder Ausführung der Tat, der Persönlichkeit des Beschuldigten oder sonstiger Erkenntnisse Grund zu der Annahme besteht, dass gegen ihn künftig erneut Strafverfahren zu führen sind”, heißt es im Gesetz.

Keine Einzelfallprüfung…

Im Unterschied zu Danny S. bekommen die Häftlinge in der Regel vor der Blutentnahme einen richterlichen Beschluss zugestellt. Um die Erhebung und Speicherung so sensibler Daten, wie es DNA-Identifizierungsmuster sind, nicht allein den Entscheidungskriterien der Exekutive zu überlassen, schreibt das Gesetz vor, dass ein Richter und nicht Staatsanwaltschaften oder Landeskriminalämter prüfen, ob Wiederholungsgefahr gegeben ist. In der Praxis ist dieser Schutz vor polizeilicher Sammelwut aber eine Farce. Als Begründung für die Anordnung der DNA-Analyse zitieren die Richter in den Schreiben an die Strafgefangenen einfach aus dem Gesetz: Lapidar wird von “Art und Ausführung der Tat”, “Ihrer Persönlichkeit” und eventuell noch “sonstigen Erkenntnissen” gesprochen. Eine Einzelfallprüfung findet faktisch nicht statt.

…aber ein Kriterienkatalog

Sven P. schätzt, dass mittlerweile etwa 90 Prozent aller in Frage kommenden Insassen der JVA Tegel genetisch erfasst sind. Er gehört der Redaktion der Gefangenenzeitschrift “Lichtblick” an, die eine Vielzahl von Fällen der zwangsweisen ‚Körperzellentnahme‘ in der JVA Tegel archiviert und dokumentiert hat. “Dabei ist völlig undurchsichtig, nach welchen Kriterien die Gefangenen ausgewählt werden”, erzählt Sven. “Da werden Leute noch ein paar Monate vor ihrer Entlassung zur Abgabe einer Probe gezwungen, und andere, die gerade erst wegen einer Katalogtat verurteilt wurden, bleiben verschont.” Katalogtaten werden die “Straftaten von erheblicher Bedeutung” genannt, bei denen das DNA-Identitätsfeststellungsgesetz es erlaubt, auch gegen den Willen von Verurteilten Körperzellen für die DNA-Analyse zu entnehmen und die Muster in der BKA-Datei zu speichern. Neben den Kapitalverbrechen (Mord, Freiheitsberaubung, Sexualstraftaten etc.) gehören dazu unter anderem Wohnungseinbruchdiebstahl und Vollrausch.

Die Erfassung hat noch gar nicht begonnen

“Die Kriterien für eine DNA-Analyse bei Verurteilten und für die Speicherung in der zentralen Datei beim Bundeskriminalamt sind vom Gesetz eindeutig festgelegt”, sagt Michael Budde von der Berliner Pressestelle der Polizei und zitiert den einschlägigen Passus über “Art und Ausführung der Tat”, die “Persönlichkeit” und die “sonstigen Erkenntnisse”. Zudem sei es unwahrscheinlich, dass in Berliner Haftanstalten der Großteil der Häftlinge, die wegen einer der ‚Katalogtaten‘ einsitzen, bereits eine Blutprobe hat abgeben müssen. “In Berlin haben die zuständigen Staatsanwaltschaften ja noch gar nicht damit angefangen, die Altfälle systematisch abzuarbeiten”, sagt er. Andere Bundesländer seien bei der Anwendung des Gesetzes schon viel weiter, so dass bisher DNA-Analysen bei Häftlingen in Berlin hauptsächlich im Rahmen der Amtshilfe durchgeführt worden seien.

Die Anzahl der in der Hauptstadt erfassten Häftlinge läßt sich auf Grundlage der Antwort auf eine Kleine Anfrage der PDS-Fraktion im Abgeordnetenhaus berechnen. Danach stammen knapp drei Viertel der 850 Personenmuster, die vom 1.1.1999 bis Ende Juni 2000 in Berlin gespeichert wurden, von Verurteilten. Ein Vergleich mit anderen Bundesländern ist nicht ohne weiteres möglich. Bisher sind außer für Berlin noch für Sachsen-Anhalt und Thüringen einige Zahlen veröffentlicht, weil die PDS-Fraktionen auch in diesen Länderparlamenten Kleine Anfragen zum Thema gestellt haben. Eine Statistik, die zwischen der genetischen Erfassung von Häftlingen, von Beschuldigten und von Verdächtigen unterscheidet oder gar die gespeicherten Datensätze nach Delikten aufschlüsselt, wird in diesen Ländern nicht geführt. Die Antworten der Innenministerien geben allerdings Aufschluss über Aufwand und Nebenwirkungen der gentechnisch assistierten Kriminalistik.

Die Konstruktion von Verdachtsmomenten

In Berlin wurden zwischen Januar 1999 und Ende Juni 2000 6600 DNA-Identifizierungsmuster erstellt, von denen nur etwas mehr als 1000 auch in die Datei eingestellt wurden. In Thüringen und Sachsen-Anhalt war die Anzahl von DNA-Analysen gegenüber der der gespeicherten Datensätze nicht ganz so hoch.[1] Warum in allen drei Bundesländern bisher deutlich mehr DNA-Analysen durchgeführt worden sind als Muster in der Datei gespeichert, erklärt Michael Budde von der Polizeipressestelle Berlin: “Im Rahmen von Ermittlungen muss häufig auch die DNA von Zeugen und Geschädigte analysiert werden, um sie als Täter ausschließen zu können”, sagt er. “Ihr genetischer ‚Fingerabdruck‘ wird dann mit Tatortspuren verglichen.” Außerdem, so Budde, könne die DNA-Analyse bei Zeugen oder Geschädigten dazu dienen, aus mehreren am Tatort vorgefundenen Spuren diejenige des Täters herauszufiltern. Zwar dürfen diese DNA-Muster unschuldiger Menschen nicht gespeichert werden, fraglich ist aber, ob durch solche Formen der Ermittlung nicht neue Verdachtsmomente entstehen, etwa, wenn ein Zeuge die Abgabe einer Blutprobe verweigert.

Wie viele DNA-Analysen bisher an Zeugen, Geschädigten, Häftlingen oder Beschuldigten in laufenden Strafverfahren vorgenommen und in welchen Fällen die Muster gespeichert wurden, wird auch bundesweit nicht aufgeschlüsselt. Da Blutentnahme, labortechnische Erstellung des DNA-Identifizierungsmusters und dessen Speicherung den jeweiligen Landeskriminalämtern obliegt, gibt es keine detaillierte zentrale Statistik. Lediglich das Bundeskriminalamt (BKA) verfügt über einige Zahlen zur DNA-Datenbank. Ende Juli veranstaltete das Amt in Wiesbaden eine Pressekonferenz, auf der nach gut zwei Jahren der zentralen Erfassung genetischer ‚Fingerabdrücke‘ Bilanz gezogen wurde. Die dort präsentierten Zahlen werfen – um es vorsichtig zu formulieren – einige Fragen auf.

Aufklärungsquote niedrig

Als wesentliches Pro-Argument für die Errichtung der DNA-Datei wurden die immensen Vorteile für die Ermittlungsarbeit genannt. Durch den Abgleich von DNA-Identifizierungsmustern bestimmter Täter oder Verdächtiger mit den Mustern von Tatortspuren sei eine sichere Möglichkeit gegeben, Täter zu überführen und bisher ungelöste Kriminalfälle aufzuklären. Denn in der Datei werden nicht nur DNA-Muster von Häftlingen, Verdächtigen und Beschuldigten gesammelt, sondern auch von Tatortspuren aus nicht aufgeklärten Straftaten. Ein Computerprogramm gleicht sie mit den Personenmustern ab und filtert Übereinstimmungen heraus. Im Juli 2000, also innerhalb von knapp zwei Jahren, waren auf diese Weise laut BKA bundesweit 404 Straftaten aufgeklärt worden. Das entspricht 7 Prozent aller in der Datei gespeicherten Spurenmuster. Außerdem stellte die polizeiliche Software 337 Übereinstimmungen zwischen Spurenmustern verschiedener Taten fest. In diesen Fällen konnte mit Hilfe der Datei also niemand überführt, sondern lediglich ermittelt werden, dass verschiedene Straftaten vermutlich von dem selben Täter verübt wurden.

Diesen 741 ‚Treffern‘ steht eine Gesamtzahl von 50530 gespeicherten DNA-Identifizierungsmustern gegenüber. Bezieht man ein, dass die Zahl der Körperzellentnahmen mit anschließender DNA-Analyse die Zahl der Speicherungen noch um ein Vielfaches übersteigt, stellt sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit des Aufwandes.

Erfassungsfaktor hoch

Hinzu kommt, dass nur etwa ein Zehntel dieser Muster von Tatortspuren stammt.[2] Das ist darauf zurückzuführen, dass Spuren am Tatort häufig verunreinigt oder aus anderen Gründen unbrauchbar sind. Damit fällt die Anzahl der Straftaten, die potenziell mittels der Datei überhaupt geklärt werden können, gegenüber der Anzahl gespeicherter Personen sehr gering aus. Das heißt rein rechnerisch, dass für eine – utopische – Aufklärungsquote von 100 Prozent aller ungeklärten Straftaten die Zahl der Personenmuster noch um ein Vielfaches gesteigert werden müsste.

Wenn 44 700 Personenmuster gespeichert werden mussten, um 404 Täter mit Hilfe der Datei zu überführen, stellt sich die Frage der Verhältnismäßigkeit auch noch in einem anderen Zusammenhang. [3] Denn diese Datensätze wurden an Beschuldigten in Strafverfahren, an Verdächtigen in Ermittlungsverfahren und an Häftlingen erhoben, die von Richtern als potenzielle Wiederholungstäter eingeschätzt worden sind. Tatsächlich liegt der Anteil der Wiederholungs- oder “Serientäter” unter den erfassten Personen damit aber nur bei etwas über einem Prozent. 99 Prozent der genetisch erfassten Personen sind lediglich gespeichert, weil sie eine Katalogtat begangen haben und deshalb einem Generalverdacht unterliegen, der jedesmal wirksam wird, wenn ein Landeskriminalamt das DNA-Muster einer Tatortspur mit den Personendatensätzen vergleicht..

Potenziell verdächtige Personen

“Ich verstehe ja durchaus, welche Vorteile so eine Datei für Ermittler hat”, sagt Sven von der Redaktion Lichtblick. “Aus unserer Perspektive, der Perspektive von Gefangenen, ist die Speicherung aber in mehrfacher Hinsicht eine Katastrophe.” Das beginne schon mit der extremen Abhängigkeit von Häftlingen: Kaum jemand wolle Hafterleichterungen aufs Spiel setzen. “Bei mir war die Blutentnahme ohne vorherigen Bescheid eindeutig rechtswidrig”, sagt Danny S., “aber ich sollte bald in den offenen Vollzug, da wollte ich nichts riskieren.”

Vor allem aber würden sämtliche Bemühungen zur Resozialisation sowohl der sozialen und therapeutischen Einrichtungen in den Vollzugsanstalten wie auch des einzelnen Gefangenen ad absurdum geführt. “Mir hat die ganze Aktion einen richtigen Dämpfer verpaßt”, sagt Danny S., “als ob es die Jahre seit meiner Verurteilung gar nicht gegeben hätte.” Als Danny eine Blutprobe abgeben musste, war seine ‚Sozialprognose‘ positiv, das heißt, seine Fähigkeit zur Integration in die Welt außerhalb der Anstaltsmauern, zur Resozialisation, wurde von den Gefängnispsychologen positiv eingeschätzt.

“Ob eine positive Sozialprognose in der Haft gleich zu setzen ist mit einer negativen Kriminalprognose, ist umstritten”, hält Michael Budde von der Berliner Polizeipressestelle dagegen. “Man muss bedenken, dass es sich in der Regel um schwerste Straftaten handelt.” Das DNA-Identitätsfeststellungsgesetz sei sinnvoll, weil es die Möglichkeit biete, unbekannte Spuren zu vergleichen mit “Personen, die potenziell verdächtig sind.”

Einmal Verbrecher, immer Verbrecher? Ob die DNA-Muster in der zentralen Datei beim Bundeskriminalamt gespeichert bleiben, muss laut Gesetz spätestens zehn Jahre nach der Haftentlassung überprüft werden. Es gelten die selben Kriterien wie für die Speicherung. Ob “Art und Ausführung der Tat”, die “Täterpersönlichkeit” oder “sonstige Gründe” für oder gegen die Löschung der Daten sprechen, entscheidet die Polizei.

 


[1] In Thüringen wurden von August 1998 bis Ende 1999 2960 DNA-Analysen vorgenommen. In Sachsen-Anhalt waren es 3700. Beide Bundesländer speicherten jeweils 800 DNA-Identifizierungsmuster in der zentralen Datei. (Angaben für die Jahre 1998 und 1999)

[2] Im Juli 2000 waren laut Angabe des BKA die DNA-Identifizierungsmuster von 44726 Personen in der Datei erfasst. Zum gleichen Zeitpunkt enthielt sie 5804 Spurenmuster.

[3] Alle Zahlen laut BKA, Stand Ende Juli 2000, aus: Dpa-Nachrichtenserver (Rubrik Basisdienst/Vermischtes, Stichworte: Kriminalität, Polizei, 20.7.00)

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KASTEN 1
Eigentum an erster Stelle

Die zentrale DNA-Datei wurde im April 1998 zunächst per Anordnung beim Bundeskriminalamt errichtet, als Grundlage sollte das BKA-Gesetz ausreichen. Der damalige Innenminister Manfred Kanther (CDU) begründete seinen Vorstoß damit, dass insbesondere Sexualstraftätern das Handwerk gelegt werden solle. Die Akzeptanz einer genetischen Datensammlung war ihm mit dieser Zielstellung sicher – in den Monaten davor waren mehrere brutale Morde an Kindern in Verbindung mit sexueller Gewalt durch die Medien gegangen.

Auch die Kritik in Regierung und Parlament richtete sich lediglich gegen die Form der Datenbank und forderte mit Erfolg gesetzliche Grundlagen: Bereits zwei Monate später, im Juni 1998, war das DNA-Identitätsfeststellungsgesetz fertig und wurde verabschiedet, Grüne und SPD besserten dann im März 1999 noch erheblich nach. (Vergleiche GID Nr. 133, Juni/Juli 1999, S.3 ff.) Eine grundsätzliche Diskussion über eine DNA-Datenbank fand in der allgemeinen Empörung über die Sexualmorde im Frühjahr und Sommer 1998 nicht statt.

Lediglich einige feministische Organisationen wiesen damals darauf hin, dass sexuelle Gewalt in der großen Mehrheit der Fälle in der Familie stattfindet. Deshalb seien Sexualstraftaten wohl eher “das ‚trojanische Pferd‘, mit dem die Kriminaltechnik ihre Wünsche befördert”. Tatsächlich ist die Anzahl der mit Hilfe der DNA-Datei aufgeklärten Sexualstraftaten bisher äußerst gering geblieben. Der Großteil der im Text genannten ‚Treffer‘ – dabei handelt es sich ja nur bei etwas mehr als der Hälfte tatsächlich um überführte Täter, der Rest sind Spurenübereinstimmungen – betrifft Eigentumsdelikte. Bei 579 der 741 bis Juli 2000 erzielten ‚Treffer‘ ging es um Diebstähle in besonders schwerem Fall, 68 weitere Übereinstimmungen von Datensätzen in der Datei betrafen Raub und Erpressung. Demgegenüber wurden nur 54 Übereinstimmungen bei Sexualstraftaten und 28 bei Tötungsdelikten gefunden.[1]

 
Kasten 2
Datenbanken im internationalen Vergleich

In den industrialisierten Ländern wird die Anwendung des ‚genetischen Fingerabdrucks‘ ebenso wie die Speicherung unterschiedlich gehandhabt. Immer mehr Staaten haben aber in den letzten Jahren zentrale Register für DNA-Daten eingerichtet. So zum Beispiel die USA: Seit 1998 ist beim FBI das National DNA Index System (NDIS), eine Datenbank mit DNA-Mustern von Verurteilten aus allen 50 US-Staaten, eingerichtet. Zu diesem Zeitpunkt waren in den USA bereits 600.000 DNA-Proben gesammelt worden, von denen 250.000 im Labor analysiert waren – in den einzelnen US-Staaten gibt es seit 1991 DNA-Datenbanken. In dem gesamten Zeitraum wurden rund 400 Treffer erzielt.

In Europa ist das Bild noch sehr uneinheitlich. Im Juni 1997 beschloss der Rat der Justiz- und Innenminister der Europäischen Union die Errichtung nationaler Datenbanken in den Mitgliedsstaaten. Seitdem haben neben der Bundesrepublik (1998) die Niederlande und Österreich (1997) und Finnland und Norwegen (1999) DNA-Datenbanken errichtet. In Belgien, Dänemark, Schweden und der Schweiz stehen Datenbanken kurz vor der Eröffnung.

Vorreiter der Entwicklung ist Großbritannien, wo seit 1995 eine DNA-Datenbank besteht. Im Frühjahr 2000 waren dort inklusive Spurenmustern 839.000 Datensätze gespeichert. Denn Großbritannien ist auch das europäische Land mit der niedrigsten Schwelle: Für den DNA-Fingerabdruck ist kein richterlicher Beschluss notwendig und Körperzellen (sowohl von Beschuldigten wie von Verurteilten) werden bei allen Delikten entnommen, für die im Gesetz mindestens ein Jahr Gefängnisstrafe vorgesehen ist. Außerdem werden – neben Großbritannien auch in den USA, Österreich und Finnland – die DNA-Proben selbst aufbewahrt. Da anhand einer DNA-Probe sehr viel mehr Informationen über einen Menschen gewonnen werden können als nur der genetische ‚Fingerabdruck‘, ist in diesen Ländern der Schutz der Persönlichkeitsrechte gänzlich von den technologischen oder politischen Machbarkeiten der Zukunft abhängig.

 

KASTEN 3
Genetischer ‚Fingerabdruck‘: Die Methode

Die 1985 in Großbritannien von einem Team um den Wissenschaftler Alec Jeffreys entwickelte Methode des genetischen ‚Fingerabdrucks‘ basiert auf der Analyse von Teilen der so genannten nicht kodierenden Bereiche der DNA. Sie bestehen aus sich wiederholenden kurzen Abschnitten. Ein solcher Abschnitt ist 14 bis 36 DNA-Bausteine (Nucleotide) lang und wiederholt sich vier bis fünfhundert Mal – das ist bei jedem Menschen anders. Diese Wiederholungssequenzen werden auch als Minisatelliten bezeichnet.

Für den genetischen ‚Fingerabdruck‘ werden bestimmte Minisatelliten mit Hilfe von Enzymen “ausgeschnitten”. Da durch die Einwirkung von Enzymen auf die zu analysierende DNA auch viele für die ;Fingerabdruck‘-Analyse uninteressante Bruchstücke “ausgeschnitten” werden, gibt man nun künstlich hergestellte DNA, die so genannten Sonden, hinzu. Die synthetische DNA besteht aus Sequenzen, die komplementär zu der Sequenz der gesuchten Minisatelliten ist, so dass sie sich an diese binden kann. Die Sonden tragen zur Markierung entweder radioaktive oder fluoreszierende chemische Gruppen, wodurch die ausgewählten Minisatelliten sichtbar gemacht werden. Dieses Gemisch wird nun in ein Gel gegeben, dass unter elektrischer Spannung steht. Da DNA-Fragmente elektrisch geladen sind, schwimmen sie durch das Gel zum entgegengesetzten Pol, allerdings je nach ihrer Länge verschieden schnell. In dem Gel, einer etwa fingerbreiten, geleeartigen, durchsichtigen Schicht, befinden sich winzige Zwischenräume, durch die kurze DNA-Abschnitte schneller gelangen als lange. Am Ende einer bestimmten Laufzeit haben die Fragmente also unterschiedliche Positionen im Gel. Die durch die Markierung leuchtenden Positionen der Minisatelliten haben die Form eines Streifens, weshalb die Anordnung der verschiedenen Minisatelliten Bandenmuster genannt wird.

Dieses Muster ist bei jedem Menschen verschieden. Angenommen, eine Bande tritt bei jedem 100. Menschen auf, eine andere bei jedem 80., dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand beide Banden besitzt, 1:100 mal 1:80 = 1 zu 8000. Man setzt nun Sonden für vier oder fünf solcher Banden ein, so dass die Wahrscheinlichkeit, dass jemand aus reinem Zufall alle diese Banden hat, auf 1 zu vielen Millionen sinkt. Diese Wahrscheinlichkeit sagt aber nur etwas über die theoretischen Möglichkeiten der Methode aus. Da menschliches Versagen sich auch bei größter Sorgfalt nicht auf eine so geringe Fehlerwahrscheinlichkeit reduzieren läßt, ist die Methode nicht so sicher, wie es die Wahrscheinlichkeitsberechnungen nahe legen.

 

 

 


[1] Stand Ende Juli 2000 laut BKA, aus: Dpa-Nachrichtenserver (Rubrik Basisdienst/Vermischtes, Stichworte: Kriminalität, Polizei, 20.7.00)