Archiv der Kategorie Kurznachrichten

Forensik: Altersbestimmung

Niederländische Wissenschaftler von der Universität Rotterdam wollen ein DNA-Analyseverfahren entwickelt haben, das die ungefähre Bestimmung des Alters eines Menschen ermöglicht. Anhand von bestimmten Methylierungsmustern lasse sich das Alter auf fünf Jahre genau bestimmen, so die Wissenschaftler. Hierfür müsse lediglich die DNA-Menge aus sechs Zellen vorliegen. Methylierungsmuster sind chemische Abänderungen der DNA und entstehen durch das Anheften von Methylgruppen an einzelne DNA-Bausteine. Durch diese epigenetischen Marker wird der Ableseprozess in unterschiedlichen Zellen, aber auch in unterschiedlichen Entwicklungsphasen bestimmt. Eine Fahndung, die sich auf solche Wahrscheinlichkeiten stützt, kann allerdings auch konsequent in eine falsche Richtung und zu falschen Verdächtigungen führen. Nicht nur in den USA werden in letzter Zeit zunehmend kritische Stimmen zum Umgang mit der DNA-Analyse in der Kriminalistik laut: Es mehrten sich nicht nur Berichte über Verunreinigungen und Fehleranfälligkeiten mit drastischen Konsequenzen; in mehreren dokumentierten Fällen wurden DNA-Beweise auch nicht zur Entlastung von Verdächtigen herangezogen. Zudem wächst das Unwohlsein angesichts der Ausweitung von DNA-Datenbanken auf Verdächtige, Familienangehörige und Zeugen. In Deutschland ist die systematische Erfassung äußerlicher Merkmale aufgrund von DNA-Spuren bislang nicht erlaubt, in Einzelfällen setzen sie Forensiker aber sehr wohl schon ein – in einer rechtlichen Grauzone. (vgl. Interview mit Lutz Roewer, GID 208, S. 47-49; Biopolitical Times, 01.12.11; Neues Deutschland, 10.12.11; weitere Infos: www.fingerwegvonmeinerDNA.de) (mf)

Kalifornien: DNA-Klage scheitert

Die Klage der Bürgerrechtsorganisation ACLU gegen den Bundesstaat Kalifornien ist Ende Februar von einem US-Berufungsgericht abgewiesen worden. ACLU hatte die polizeiliche DNA-Speicherpolitik in Kalifornien als Verstoß gegen die Verfassung angezeigt, da diese im so genannten „Fourth Amendment“ die Privatheit der Bürger gegen „unverhältnismäßige staatliche Durchsuchungen und Beschlagnahme“ schützt. In Kalifornien ist die Polizei seit der 2004 eingeführten „Proposition 69“ verpflichtet, von jeder verhafteten Person noch vor einer Anklage oder Verurteilung eine Speichelprobe zu nehmen. Wird eine Person für unschuldig erklärt, kann sie zwar die Zerstörung der Probe und die Löschung des DNA-Profils aus der Datenbank beantragen. Dieser Prozess ist aber „langwierig, unsicher und teuer“, wie Richter William Fletcher kritisierte, der sich gegen die Mehrheits-Entscheidung des Gerichts aussprach. (www.bionews.org.uk, 27.02.12) (sus)

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New York: DNA-Deal

Der als DNA-Deal bekannte Gesetzentwurf im Staat New York, der eine enorme Expansion der polizeilichen DNA-Datenbank des Staates ermöglichen wird, scheint unter Dach und Fach zu sein. Der Gesetzes-Deal wurde zwischen dem demokratischen Gouverneur Andrew Cuomo und den Republikanern ausgehandelt und sieht vor, dass die DNA von allen im Staat verurteilten Personen, egal um welches Delikt es sich dabei handelt, zwangsweise abgegeben und als Profil in der „all-crimes DNA database“ gespeichert werden soll. Ausgenommen sind einzig Personen, die nicht vorbestraft sind und mit einer kleinen Menge Marihuana erwischt wurden. Streitpunkt war allerdings nicht diese enorme Ausweitung der biologischen Vorratsdatenspeicherung. Vielmehr ging es um die in den USA stark an die DNA-Analyse gekoppelte Frage, wie die Verurteilung Unschuldiger besser verhindert werden kann. Zwar soll durch das Gesetz erleichtert werden, dass Verurteilte zum Beweis ihrer Unschuld auf die DNA-Analyse zurückgreifen können. Nicht in den Verhandlungen Bestand hatte demgegenüber die Forderung, Polizeiverhöre auf Video aufzunehmen oder „Double Blind“-Gegenüberstellungen einzuführen, um Manipulationen durch die Polizei zu verhindern. (New York Times, 26.02.12, 14.03.12) (sus)

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Fotos (5): Aktion vor EU-Kommission, Berlin 26. August 2011

Fotos (3): Aktion vor EU-Kommission, Berlin 26. August 2011


6/2011: Trügerische Sicherheit von DNA-Profilen

DNA-Tests gelten inzwischen landläufig als bombensicherer Nachweis für die Identität einer Person und deshalb auch als todsicherer Beweis vor Gericht. Dem ist mitnichten so. DNA-Tests sind nicht 100 Prozent sicher. Daran erinnert ein aktueller Fall in Italien. In Perugia wird der Mord an einer britischen Studentin im Jahr 2007 neu aufgerollt. Angeklagt sind eine Amerikanerin aus Seattle und ihr italienischer Exfreund. Ein italienisches Gericht befand beide Angeklagte auf Grund eines DNA-Tests für schuldig und verurteilte sie im Jahr 2009 zu 26 und 25 Jahren Gefängnis. Die von der Verteidigung eingeforderte unabhängige forensische Überprüfung ergab allerdings, dass die dem Urteil zugrunde liegenden DNA-Tests keine verlässlichen Ergebnisse erbracht hätten. Eine Spur sei zwar ordnungsmäßig
sicherstellt worden. Eine zweite Spur bestand allerdings nur aus einer minimalen Menge DNA. Solche Proben werfen große methodische Probleme auf, weil sie nach bisherigen Möglichkeiten kaum ausreichen, ein ausreichend individualisiertes DNA-Profil zu erstellen; also nur ein partielles DNA-Profil hergeben. Internationale Experten arbeiten seit langem an diesem Problem und empfehlen für solche Fälle ein spezifisches Vorgehen (protocol for tests on small samples). Der Bericht der unabhängigen Forensiker kommt im italienischen Mordfall zu dem Schluss, dass der aus der zweiten Probe erstellte DNA-Beweis keinen Bestand hat, weil er nicht nach internationalen Standards erstellt worden ist. Die Experten monieren außerdem die Spurensicherung der Polizei, die ebenfalls nicht nach internationalen Standards erfolgt sei. Es könne deshalb nicht ausgeschlossen werden, dass die Beweisgegenstände nachträglich mit Blut des Opfers kontaminiert worden sind. Der Ausgang des Revisionsverfahrens scheint damit offen, da sich die
Anklage ausschließlich auf die DNA-Beweise stützte.
(New York Times, 29.06.11) (as)

6/2011: Polizei jubelt: DNA-Fingerabdruck innerhalb einer Stunde

Die Entwicklung der DNA-Profiling Technologie schreitet voran. Ein tragbarer Apparat soll es der Polizei ermöglichen, schon direkt am Einsatzort DNA- Proben zu analysieren. Bislang dauert die Erstellung eines DNA-Profils mit
üblichen forensischen Techniken drei Tage. Das Szenario der englischen Polizei sieht vor, dass die Beamten aufgefundene Spuren vor Ort analysieren und via Funk oder Internet das Ergebnis mit den Daten in der zentralen
National DNA Database abgleichen können. LGC Forensics ist auf dem Gebiet des DNA-Profiling führend und hat die neue Technik im Rahmen des so genannten RapiDNA-Projekts entwickelt. Der Manager Dr. Steve Allen lobt die
neue Technik naturgemäß in höchsten Tönen und betont ihre Vielseitigkeit. Sie könne „auch bei Grenzkontrollen Anwendung finden, wenn es etwa darum geht, die Verwandtschaft von zwei Leuten zu überprüfen.“ Prototypen des
RapiDNA-Systems werden zur Zeit von der britischen National Policing Improvement Agency getestet. LGC Forensics ist ein Spin-off Projekt einer staatlichen Forschungseinrichtung. Die Firma entstand 1996, als das nationale Laboratory of the Government Chemist privatisiert wurde. David Reardon, der für die Entwicklung zuständige Manager von LGC Forensics, erklärt, dass die Technik zunächst bei einfachen Delikten eingesetzt werden soll, später dann auch bei schweren. Ein wichtiges Detail: Die neue Technik arbeitet vor Ort mit partiellen DNA Profilen – was die Analysegeschwindigkeit und „Treffer“ erhöht, gleichzeitig aber die Zahl falscher Verdächtigungen steigern kann.
(Daily Telegraph, 19.06.11) (as)

5/2011: Rätsel um Osamas DNA

Die US-Regierung hat vermutlich schon seit Jahren DNA-Proben von Verwandten des gesuchten Al-Quaida-Chefs Osama Bin Laden gesammelt. Anders ist jedenfalls nicht zu erklären, dass sie als Beweis für die Identität
des in einem militärischen Sondermanöver Getöteten angeben, dass eine DNS-Analyse „99,9-prozentige Sicherheit“ verschafft habe. Denn Tote lassen sich nur mit einer eigenen Vergleichsprobe aus früherer Zeit oder anhand der
Probe eines leiblichen Angehörigen vergleichen. Im Fall Osama Bin Ladens könnten für eine solche Vergleichsprobe rund 50 Halbgeschwister in Frage kommen, jedenfalls suggeriert dies die US-Regierung. Allerdings, so führte die Journalistin Christina Berndt jüngst in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung aus, bräuchte man für eine Aussagekraft von fast hundert Prozent Vollgeschwister, Kinder oder Eltern des Verstorbenen. Laut Forensikexperten sei durch einen Vergleich mit den Proben von Halbgeschwistern eine maximale Aussagekraft von 90 Prozent zu erreichen. Dies gilt auch, wenn mehrere Halbgeschwister einbezogen werden. Moderne Sequenzierungsmethoden könnten theoretisch Abhilfe verschaffen: Sie analysieren nicht 13 oder 16 Loci des Genoms, sondern rund fünfzehn
Millionen der individuellen DNS-Abweichungen. ExpertInnen bezweifeln aber, dass diese nach der Ermordung von Bin Laden im Hubschrauber zum Einsatz kommen konnten. Sicher ist somit vor allem eines: hundertprozentige
Sicherheit gibt es nicht.
(Süddeutsche Zeitung, 06.05.11) (mf)

5/2011: Veteranen-DNA-Bank

In den USA hat Anfang Mai offiziell ein bereits seit längerem vorbereitetes Megaprojekt zur Einrichtung einer DNA-Bank des Kriegsveteranenministeriums begonnen. Eine Million DNA-Proben sollen in den nächsten Jahren gesammelt und zusammen mit Gesundheitsinformationen sowie Angaben zum Lebensstil gespeichert werden. Damit strebt das Projekt ähnliche Ausmaße wie die Biobank in Großbritannien an, in der bislang eine halbe Million Proben von Menschen zwischen 40 und 69 Jahren gespeichert sind. Bei der Realisierung des Projektes hoffe man auf den Altruismus der anvisierten Bevölkerungsgruppe, so Forschungsleiter Joel Kupersmith. Außerdem stehe dem
Veteranenprogramm eine der besten elektronischen Gesundheitsdatenbanken und modernste Screeningtechnologie zur Verfügung.
(BioNews 606, 05.05.11) (mf)

4/2011: DNA-Sammelei bei BaWü-Polizisten

Mitarbeiter der Polizei in Baden-Württemberg werden ab sofort gebeten, eine DNA-Probe abzugeben, sofern sie in der Spurensicherung tätig sind. Auf diese Weise sollen künftig Fehlermittlungen wie im Fall des „Phantoms von
Heilbronn“ vermieden werden. Dort hatten sich die Ermittler von verunreinigten Wattestäbchen in die Irre führen lassen und über zwei Jahre hinweg eine Serientäterin gesucht, die es gar nicht gab. Rund 700 anonymisierte DNA-Proben sollen nun in einer so genannten „Eliminationsdatenbank“ gespeichert werden, um diese „Schwachstelle“ bei der Spurensuche weitgehend auszuschließen. Die Abgabe der Proben sei „freiwillig“.
(spiegel.de, 09.04.11) (mf)